Ausgelesen – Tschechow#
Eine langweilige Geschichte#
Rütten & Loening
Erste Auflage 1951
Wie der Titel schon andeutet, ist es keine sonderlich spannende Erzählung, kleine Gedankensplitter, über die es sich nachzudenken lohnt, finden sich auch in diesem kleinen Band.
Vom Vortragen [1]
Vor mir sind hundertfünfzig Gesichter, von dem keines dem andern
ähnlich sieht, und dreihundert Augen, die mir gerade ins Gesicht
schauen. Meine Aufgabe ist, diese vielköpfige Hydra zu besiegen. Wenn
ich während jeder Minute meines Vortrages eine klare Vorstellung vom
Grade ihrer Aufmerksamkeit und Auffassungsfähigkeit habe, so ist sie
in meiner Gewalt. Mein zweiter Gegner sitzt dagegen in mir selber. Das
ist die unendliche Verschiedenheit der Formen, Erscheinungen, Gesetze
und die Vielfältigkeit der von ihnen bedingten eigenen und fremden
Gedanken.
Vor so großem Publikum habe ich selten doziert, aber die Beobachtung gilt auch für kleinere Grupppen.
Was macht eine Dissertation aus [2] .
Und nun wünsche er bei mir unter meiner Aufsichte zu arbeiten, und ich
würde ihn zu größtem Dank verpflichten, wenn ich ihm das Thema für
seine Dissertation geben wollte.
»Sehr erfreut, mich Ihnen gefällig erweisen zu können, Collega«,
versetze ich, »aber lassen Sie uns zunächst eine Einigung darüber
erzielen, was eigentlich eine Dissertation ist. Es ist hergebracht,
mit diesem Wort ein Werk zu bezeichnen, das das Produkt selbständigen
Schaffens ist. Nicht wahr? Ein Werk jedoch, das über ein fremdes Thema
unter fremder Aufsicht geschrieben worden ist, pflegt man anders zu
nennen ...« Der Kandidat schweigt, Ich werde hitzig und springe auf.
»Ich kann nicht begreifen warum alle eigentlich immer wieder zu mir
kommen!« rufe ich böse. »Ist dies etwa ein Kramladen, wie? Ich treibe
keinen Handel mit Themen!«
Stücke sind gut, wenn … [3]
Ich hatte Katja theatralische Neigungen niemals geteilt. Wenn ein
Stück gut ist, braucht man meiner Ansicht nach nicht erst Schauspieler
zu bemühen, damit es die nötige Wirkung erziele; es genügt, wenn man
sich auf die Lektüre beschränkt. Wenn aber ein Stück schlecht ist, so
wird es durch kein Spiel je besser gemacht werden.
Ein kleiner Seitenhieb auf die Theaterszene…
Fortschritt [4]
Wo kein Fortschritt in Kleinigkeiten ersichtlich ist, wird man ihn
vergebens in größeren Dingen suchen.
Theater kontraproduktiv [5]
Diese Zerstreuung ist jedoch allzu kostspielig, um auf die Dauer
fortgesetzt werden zu können. Sie raubt dem Staate Tausende junger,
gesunder, begabter Männer und Frauen, aus denen, wenn sie sich nicht
dem Theater gewidmet hätten, gute Ärzte, Landleute, Lehrerinnen und
Offiziere werden könnten.
Über den Tod [6]
Die Natur scheint mir nach wie vor wunderschön zu sein, obwohl mir ein
Dämon zuflüstert, das weder diese Tannen und Fichten noch die Vögel
oder die weißen Wölkchen am Himmel nach drei, vier Monaten, wenn ich
gestorben bin, meine Abwesenheit bemerken werden.
Farbanalyse des Textes