Zille – Biographie¶
Heinrich Zille
Ernstes und Heiteres aus seinem Leben
Gerhard Flügge
Greifenverlag zu Rudolstadt
Schon 2025 habe ich die Biographe gelesen, beim Platte putzen bin ich auf die Sammlung von Skizzen und einem interessanten Dialog gestoßen. Der Fall wird auch auf Wikipedia beschrieben. Hier möchte ich die Version vom Autor zitieren, ob es dafür einen konkreten Beleg gibt, kann ich nicht beurteilen, aber ich vermute, die Dialoge sind von der damaligen Realität nicht weit enfernt. Schlimmer ist, das die Situation heute nicht viel besser ist. Ich sag nur Nippelverbot, Übergriffe in Strandbädern, der Trend islamische Moralvorstellungen in einem christlich geprägten Land durchzusetzen … Von Pornographie kann in dem Bild keine Rede sein!
Ein gelungenes Buch, empfehlenswert, wenn es im Antiquariat noch zu finden ist.
Nun also das Zitat eines Dialogs zum Bild:
Im »Simpicossimus« erscheint eine Zeichnung Zilles mit der
Unterschrift: Modellpause. Man sieht ein Maleratelier. Staffeleien und
Gaslampen im Hintergrund. Acht unbekleidete Mädchen stehen
zwanglos umher. Es ist Pause -- für Maler und Modelle.
Ein verschmitztes Lächeln haben die nackten weiblichen Wesen im
Gesicht, denn eben hat eine von ihnen gesagt: "Bei die Malers müßt
ihr erst lern verstehn, wat se sag’n. Wollen se een nackt -- dann
sagen se »Act«, mal’n se de Brüste - dann sagen se »Büste« -- und
woll'n se den Rücken, wo er hübsch is - dann sagen se »Kiste«!"
An einem Stammtisch irgendeines Lokals im Wiirttembergischen.
Die Skatrunde pausiert. Wohlsituierte Herren älteren Semesters
unterhalten sich gelangweilt über die sie wenig interessierenden
Fragen des Tages.
»Da -- sehen Sie!« sagt plötzlich einer von ihnen und zieht eine
bebilderte Zeitung aus der Rocktasche. Es ist der »Simpel«. »Eine
neue Schmiererei von Zille dem republikanischen Professor!« Der
Stammtischstratege legt das Blatt mit der »Modellpause« auf den
Tisch mit der peinlich sauberen Marmorplatte. Ein paar Hände
greifen nach dem Papier, und aus lüsternen Augen blickt unverhohlen
die Geilheit ringsum.
»So was müßte man glattweg anzeigen.«
»Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses.«
»Dieses Mädchen da ganz links! Sehen Sie nur, wie es dasteht: frech,
aufreizend!«
»Schamlos!«
»Wir werden Bestrafung verlangen — beim Gericht!«
»Jawohl, meine Herren. Gleich morgen. In Stuttgart.«
Der »Hohe Gerichtshof zu Stuttgart« schließt sich der Anzeige einiger
bekannter Herren der »Gesellschaft« gegen die Urteile
Sachverstandiger und Fachleute wie Liebermann, Slevogt, Stuck, Lederer,
Kubin und Hausenstein an und verfügt:
1. Der Maler Professor Heinrich Zille aus Berlin wird wegen
pornographischer Bilder zu einer Geldstrafe von 150,— Mark
rechtskräftig verurteilt.
2. Die für den Druckvorgang beötigten Platten sind sofort unbrauchbar
zu machen.
Der Angeklagte, der nach Stuttgart zur Verhandlung gekommen ist,
hat das letzte Wort. Zille erhebt sich und geht gemessenen Schrittes
hin zum Richtertisch.
»Meine Herren«, sagt er, »ich bin Zeichner, und ich versuche, das
Leben so darzustellen, wie ich es sehe. Und ich sehe es anders, ganz
anders als die meisten Menschen. Ich frage Sie, meine Herren, was
will man sehen? So was, das gar nicht existiert, das es überhaupt
nicht gibt? Wir haben ein schönes Wort dafür: Kitsch! Wie das
Leben aber in Wirklichkeit ist, davon wollen die Leute nichts wissen.
Deshalb aber darf man nicht aufhören, die Wahrheit darzustellen,
auch dann nicht, wenn sie oftmals alles andere als schön ist. Im
Gegenteil. Sehen Sie, meine Herren, daher kommt es auch, daß ich
im allgemeinen nicht gefalle und daß es Menschen gibt, die auf mich
schimpfen. Und dann gibt es auch wieder Leute, die über meine
Arbeiten lachen. Aber wer über meine Witze lacht, der versteht sie
nicht. Denn hab ick det nich besser jekonnt. Und dann, Hoher
Gerichtshof, ist da noch etwas: die Heuchelei! Man predigt öffentlich
Wasser und trinkt dann heimlich Wein. Ist das richtig? Nein!
Dagegen muß man ankämpfen. Aber ich glaube, daß noch viel Zeit
vergehen wird, ehe wir so frei sind, daß der üble Rest von Heuchelei
und Prüderie endlich verschwindet. Mein Bild »Modellpause« ist
keine Pornographie. Pornographie ist etwas ganz anderes. Die Mädchen
im Atelier — nun ja, die sind notwendig für uns. Jeder Maler
wird Ihnen das bestätigen können. Und wenn mal ’ne kurze
Verschnaufpause ist, dann stehen sie so umher, wie ich es
dargestellt habe. Das ist alles!«
Heinrich Zille fährt nach Berlin zurück. Seine Freunde sind am
Bahnhof und nehmen den »verknackten Professor« in Empfang.
»Nun, wie war's? Hast du es ihnen gegeben, den Spießern in
Stuttgart?« fragen sie. :
Zille antwortet: »Liebe Kollegen, ich bin ein Gott! Ich habe gegen
die Dummheit vergebens gekämpft!«