Träume — Phantasien und Wirklichkeit
Christian Tögel
Träume — Phantasie und Wirklichkeit
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften
Berlin 1987
Der Titel ist eindeutig, was und wie träumen wir? Die Schwerpunkte aus dem Buch:
- Der Traum in der Vergangenheit: vom Gilgamesch-Epos bis zu Alfred Maurys Guilotine-Traum
- Siegmund Freuds Traumtheorie
- Neuere Hypothesen
- Was wissen wir heute über den Traun?
- Können wir im Traum Probleme lösen?
- Traum und Parapsychologie
- Träue in Psychotherapie und Psychiatrie
- Traum und Kunst
- Hypnos und Mopheus oder die Dialektik von Schlaf und Traum
- Was sind Klarträume?
- Ausblick
- Literatur
Es wurde ein allgemeinverständlicher Überblick zu vielen Aspekten der Traumforschung gegeben. Am spannensten die Beispiele der Problemlösung im Traum. Wer träumt nicht davon 🙂. Ich kannte die Beispiele noch nicht:
- Seite 95/96 — Ibn Sina (Avicenna)
Zwischen dem 16. und 18 Lebnsahr beschäftigte er sich fast ausschließlich mit Logik und Philosphie. Konnte er mit einem Problem nicht fertig werden, ging er in die Moschee und bat Allah, er möge ihm die Augen öffnen. Dann ging er nach Hause, arbeitete noch weiter, trank ein wenig Wein und legt sich dann schlafen. Er träumte dann »von eben diesen Frage«, und viele sind ihm so »im Schlaf klar geworden«. Ibn Sina behauptet ogar: »Auf diese Weise wurden in mir sämtliche Wissenschaften gefestigt, und ich beherrsche sie, so gut es Menschen vermgen (Brentjesund Brentjes 1979, S. 33)«
- Seite 96 — Kekulä von Stradonitz
Das wohl bekannteste Beispiel einer wissenschaftlichen Entdeckung im Traum ist die der Ringstruktur des Benzols durch August Kekulä von Stradonitz (1829-1896). In seinem Stuhl am Kamin eingeschlafen, träumte er folgendes: »Die Atome gaukelten vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten sich bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch wiederholte Gesichte ähnlicher Art geschärft, unterschied jetzt größere Gebilde mannigfacher Gestaltung. Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfaßte den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich; den Rest der Nacht verbrachte ich, um die Konsequenzen der Hypothese auszuarbeiten« (zitiert nach Störig 1957, 5.509). Kekulä hatte sich selbstverständlich schon lange vor diesem Traum mit Fragen der Benzolstruktur beschäftigt. Und ähnlich wie es Ibn Sina beschreibt, gingen ihm diese Probleme ständig durch den Kopf und fanden auch Eingang in seine Träume. Die »zündende Idee« - Kekulö erwachte wie durch einen »Blitzstrahl« - kam ihm, als eine der Schlangen ihren eigenen Schwanz erfaßte und so einen Ring formte. Damit hatte Kekulä den Problemraum erweitert und konnte sich nun auch die Kohlenstoffatome des Benzols in ringförmiger Anordnung vorstellen.
- Seite 96/97 — Mendelejew
Ein ähnliches Aha-Erlebnis im Traum hatte auch Mendelejew (1834-1907). Er beschäftigte sich schon lang mit der Aufstellung des Periodensystems der Elemente, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen: Er versuchte Ordnung in die Elemente zu bringen, aber das führte zu keiner brauchbaren Lösung. Eines Nachts hatte Mendelejew einen Traum, den er so wiedergab: »Ich sah im Traum die Tabelle, in der alle Elemente so verteilt war wie es sein mußte. Ich erwachte sofort und schrieb alles auf ein Stück Papier. Nur an einer Stelle erwies sich später eine Korrektur als nötig« (zitiert nach Pisarzhensky 1954). Der Schlüssel zu diesem Traum liegt in der Formulierung, daß alle Elemente so verteilt waren, ”wie es sein mußte". „Wie es sein mußte" heißt: verteilt nach dem Gewicht der Atome, nicht nach ihrer Größe. Die Umstrukturierung des Problemlösungsversuchs ist hier ähnlich wie bei Kekulö. Die Anordnung nach Größe der Atome hat zu keiner befriedigenden Lösung geführt, im Traum aber gelingt es Mendelejew den Problemraum zu erweitern und das Atomgewicht für die Anordnung der Elemente als entscheidend anzusehen.
Auf Wikipedia, wird die Traumgeschichte von Kekulä erwähnt, die von Mendelson und Avicenna nicht.
Ich gehöre eher zu den Träumern, die sich nicht erinnern und wenn doch, dann sind es heftige Geschichten, die mich auch lange danach noch beschäftigen.
Wie die Geschichten zeigen, es lohnt sich, Stift und Zettel bereit zu halten, für den Fall etwas wichtiges geträumt zu haben.