Ernst Haeckel — Gemeinverständliche Werke

Gemeinverständliche Werke
Natürliche Schöpfungsgeschichte
Erster Teil
Alfred Kröner Verlag in Leipzig
und Carl Henschel Verlag in Berlin 1924

Schwerpunkte

  • Wechselwirungen in der Natur
  • Schiller; Zitat
  • Schöfpungsgeschichte
  • Fossilien
  • Kampf uns Dassein
  • Wille
  • Nahrung
  • Virchow; weibliches Geschlecht

Excerpt

Als Gymnasiast hatte Ernst Haecke ein vollständiges Herbarium der Umgebung von Merseburg angelegt. Ein zweites Herbarium entstand, weil ihn als zwölfjähriger Knabe kritische Zweifel plagten. Was sollte er mit den »schlechten Arten« der Brombeeren, Weiden, Rosen, Disteln usw. anfangen; für diese von Goethe sogenannten »charakterlosen oder liederlichen Geschlechter« legte er sich ein besonderes, geheimes Herbarium an.

Zwei Bücher machten einen besonderen Eindruck auf ihn:

  1. Die »Ansichten der Natur« von Alexander von Humboldt
  2. »Die Pflanze und ihr Leben« von Schleiden.

Im Ersten Band werden die Vorlesungen von ihm wiedergegeben, in denen sich Haeckel mit der Entwicklung und auch der Verteidigung der damals neuen Theorien von Charles Darwin auseinandersetzt. 1866 lernte er Charles Darwin persönlich kennen und rechnet das Treffen zu den unvergesslichsten seines Lebens.

Interessant ist, wie Haeckel sich bei allen Wegbereitern und Gegnern der Deszendenztheorie, die wir heute eher als Abstammungslehre bezeichnen, sowohl positiv als auch kritisch mit den Ansichten und Argument auseinandersetzt. Hier nimmt er auch seinen Lehrer Virchow nicht aus, den er kritisiert.

Nun einige interessante Aussagen und Gedankengänge. Viel Vergnügen beim darüber nachdenken.

Seite 27:

Zitat von Schiller

Die Welt ist vollkommen überall, Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Seite 62

Zur Schöpfungsgeschichte und Fossilien

Diese unschätzbar wertvollen Urkunden der Schöpfungsgeschichte haben sehr lange Zeit hindurch eine höchst untergeordnete Rolle in der Wissenschaft gespielt. Allerdings wurde die wahre Natur derselben schon mehr als ein halbes Jahrtausend vor Christus ganz richtig erkannt, und zwar von dem großen griechischen Philosophen Xenophanes von Kolophon, demselben, welcher die sogenannte eleatische Philosphie begründete und zum erstenmal mit überzeugender Schärfe den Beweis führte, daß alle Vorstellungen von persönlichen Göttern nur auf mehr oder weniger grobe Anthropomorphismen (Vermenschlichungen) hinauslaufen. Xenophanes stellte zum erstenmal die Behauptung auf, daß die fossilen Abdrücke von Tieren und Pflanzen wirkliche Reste von vormals lebenden Geschöpfen seien, und daß die Berge, in deren Gestein man sie findet, früher unter Wasser gestanden haben müßten.

Seite 165

Kampf ums Dasein

Dasjenige Verhältnis, welches im freien Naturzustande züchtend und umbildend auf die Formen der Tiere und Pflanzen einwirkt, bezeichnet Darwin mit dem Ausdruck: »Kampf ums Dasein« (Struggle for life).

Der »Kampf ums Dasein« ist rasch ein Stichwort des Tages geworden. Trotzdem ist die Bezeichnung vielleicht in mancher Beziehung nicht ganz glücklich gewählt, und würde wohl schärfer gefaßt werden können als »Mitbewerbung um die notwendigen Existenzbedürfnisse«. Man hat nämlich unter dem »Kampf um das Dasein« manche Verhältnisse begriffen, die eigentlich im strengen Sinne nicht hierher gehören. Zu der Idee des »Struggle for life« gelangte Darwin, wie aus dem im letzten Vortrage mitgeteilte Briefe ersichtlich ist, durch das Studium des Buches von Malthus »über die Bedingungen und die Folgen der Volksvermehrung«. In diesem wichtigen Werke wurde behauptet, daß die Zahl der Menschen im ganzen durchschnittlich in geometrischer Progression wächst, während die Menge der Nahrungsmittel nur im arithmetischeer Progression zunimmt. Aus diesem Mißverhältnisse entspringen eine Masse von Übelständen in der menschlichen Gesellschaft, welche einen beständigen Wettkampf der Menschen um die Erlangung der notwendigen, aber nicht für alle ausreichenden Unterhaltsmittel veranlassen.

Darwins Theorie vom Kampf ums Dasein ist gewissermaßen eine allgemeine Anwendung der Bevölkerungstheorie von Malthus auf die Gesamtheit der organischen Natur.

Seite 250

Nahrung und Körperform ...

Die Körperform des Menschen selbst, der Grad der Fettablagerung z.B. ist ganz verschieden nach der Nahrung. Bei stickstoffreicher Kost wird wenig, bei stickstoffarmer Kost viel Fett abgelagert. Leute, die mit Hilfe der Bantingkur mager werden wollen, essen nur Fleisch und Eier, kein Brot, keine Kartoffeln.

Seite 251

Über den Willen ...

Der Wille des Tieres, wie des Menschen ist niemals frei. Das weitverbreitete Dogma von der Freiheit des Willens ist naturwissenschaftlich durchaus nicht haltbar. Jeder Physiologe, der die Erscheinungen der Willenstätigkeit bei Menschen und Tieren streng wissenschaftlich untersucht, kommt mit Notwendigkeit zu der Überzeugung, daß der Wille eigentlich niemals frei, sondern stets durch äußere oder innere Einflüsse bedingt ist. [...] Sobald man seine eigenen Willenstätigkeit streng untersucht, ohne das herkömmliche Vorurteil von der Freiheit des Willens, so wird man gewahr, daß jede scheinbar freie Willenshandlung durch vorhergehende Vorstellungen bewirkt wird, und diese wurzeln entweder in ererbten oder in anderweitig erworbenen Vorstellungen; sie sind also in letzter Linie wiederum durch Anpassungs- oder Vererbungsgesetze bedingt.

Seite 260

Aussage Virchows zum weiblichen Geschlecht

Jede Veränderung des weiblichen Eierstocks äußert eine nicht minder bedeutende Rückwirkung auf den gesamten weiblichen Organismus, wie jede Veränderung des Testikels auf den männlichen Organismus. Die Wichtigkeit dieser Wechselbeziehung hat Virchow in seinem vortrefflichen Aufsatz „das Weib und die Zelle" mit folgenden Worten ausgesprochen: „Das Weib ist eben Weib nur durch seine Generationsdrüse; alle Eigentümlichkeiten seines Körpers und Geistes oder seiner Ernährung und Nerventätigkeit: die süße Zartheit und Rundung der Glieder bei der eigentümlichen Ausbildung des Beckens, die Entwicklung der Brüste bei dem Stehenbleiben der Stimmorgane, jener schöne Schmuck des Kopfhaares bei dem kaum merklichen, weichen Flaum der übrigen Haut, und dann wiederum diese Tiefe des Gefühls, diese Wahrheit der unmittelbaren Anschauung, diese Sanftmut, Hingebung und Treue kurz alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz des Eierstocks. Man nehme den Eierstock hinweg, und das Mannweib in seiner häßlichsten Halbheit steht vor uns".

Seite 264

Lernen in der Jugend und die Rolle der Kirchen ...

Was man in frühester Jugend lernt und übt, sitzt viel fester und tiefer, als alle späteren Erwerbungen. Daher ist der orthodoxe Klerus der verschiedenen Kirchenreligionen von jeher bemüht gewesen, vor allem die Elementarschule unter seine absolute Herrschaft zu beugen. Je früher die vernunftwiedrigen Glaubenssätze erlernt werden, desto zäherer Widerstand leisten sie allen Angriffen des Verstandes und der vernünftigen Naturerkenntnis.

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Seite 275

Wechselwirkungen in der Natur ...

Die unendlich verwickelten Wechselbeziehungen, welche zwischen den Organismen eines jeden Bezirks bestehen und welche als die eigentlichen Bedingungen des Kampfes ums Dasein angesehen werden müssen, sind uns größtenteils unbekannt und meistens auch sehr schwierig zu erforschen. Nur in einzelnen Fällen haben wir dieselben bisher zu einem gewissen Grade verfolgen können, so z. B. in dem bekannten, von Darwin angeführten Beispiel von den Beziehungen der Katzen zum roten Klee in England. Die rote Kleeart (Trifolium pratense), welche in England eines der vorzüglichsten Futterkräuter für das Rindvieh bildet, bedarf, um zur Samenbildung zu gelangen, des Besuchs der Hummeln. Indem diese Insekten den Honig aus dem Grunde der Kleeblüte saugen, bringen sie den Blütenstaub mit der Narbe in Berührung und vermitteln so die Befruchtung der Blüte, welche ohne sie niemals erfolgt. Darwin hat durch Versuche gezeigt, daß roter Klee, den man von dem Besuche der Hummeln absperrt, keinen einzigen Samen liefert. Die Zahl der Hummeln ist bedingt durch die Zahl ihrer Feinde, unter denen die Feldmäuse die verderblichsten sind. Je mehr die Feldmäuse überhand nehmen, desto weniger wird der Klee befruchtet. Die Zahl der Feldmäuse ist wiederum von der Zahl ihrer Feinde abhängig, zu denen namentlich die Katzen gehören. Daher gibt es in der Nähe der Dörfer und Städte, wo viele Katzen gehalten werden, besonders viel Hummeln. Eine große Zahl von Katzen ist also offenbar von großem Vorteil für die Befruchtung des Klees. Man kann nun, wie Karl Vogt gezeigt hat, an dieses Beispiel noch weitere Erwägungen anknüpfen. Denn das Rindvieh, welches sich von dem roten Klee nährt, ist eine der wichtigsten Grundlagen des Wohlstandes von England. Die Engländer konservieren ihre körperlichen und geistigen Kräfte vorzugsweise dadurch, daß sie sich größtenteils von trefflichem Fleisch, namentlich ausgezeichnetem Roastbeef und Beefsteak nähren.